Am Montag begann sie, die Stunde der Wahrheit. Die Woche der Prüfungen begann und auch dieses System unterscheidet sich vom Deutschen:
In Deutschland sagt der Lehrer irgendwann mal ein Datum, wann eine Klausur geschrieben wird und sobald in der selben Woche auch nur eine andere Klausur geschrieben wird, protestiert die Klasse, bis der Lehrer die Klausur verschiebt. In Thailand würden sie uns den Vogel zeigen.
Hier werden alle Examen in einer Woche geschrieben. Es gibt keinen Unterricht, nur Prüfungen. Für die High School sind die Examen für Montag, Mittwoch und Freitag vorgesehen und Dienstag und Donnerstag haben wir somit Schulfrei, da die Klassen aus den unteren Stufen an diesen Tagen ihre Examen schreiben. Alle Klausuren in allen Fächern auf einmal. Ich denke, ich muss nicht beschreiben, wie nervenaufreibend das ist.
Natürlich gibt es für diese Woche auch einen Examenplan, wo die exakte Uhrzeit und Länge der Prüfungen vermerkt ist. Diese Prüfungen gibt es zweimal pro Semester und von ihnen hängt die gesamte Note des Semesters ab. Einen Druck, den man erstmal standhalten muss.
Ich weiß noch, wie ich vor zwei Wochen einen meiner Klassenkameraden sagte, dass ich so froh sei, ein paar freie Tage zu haben, da zu dieser Zeit ein verlängertes Wochenende anstand. Er sagte, dass er sich nicht freue, denn jeder Tag, der verstreiche, bringe sie näher zu den Examen. Ein Gedanke, der mir unendlich Leid tat.
Als ich meine Freunde heute morgen sah, erkannte ich sie kaum wieder. Sie sahen wie Leichen aus, blass, müde, mit Augenringen bis zum Kinn. Ich musste nicht fragen. Ich wusste, dass sie die ganze Nacht über gelernt hatten, denn die Angst, durchzufallen, war viel zu groß. Am Anfang redeten wir auch nicht sehr viel, denn jeder war damit beschäftigt, sich irgendwie noch wach zu halten. Eine Aufgabe, die nicht jedem gelang, sodass einer meiner Klassenkameraden auf dem Flur einschlief und wir ihn wecken mussten, damit er seine Prüfung nicht verpasste.
Es schien, als ginge dieser Tag nie um. Auch ich hatte viel für diese Examen gelernt, unendlich viel. Von ihnen hängt mein Verbleib in Thailand ab. Doch hatte ich bei weitem nicht so viele und lernaufwendige Kurse wie meine Klasse und ich wusste, wie sehr sie sich dieses zu Herzen nahmen. Die erste Prüfung war Mathe. Ich hatte es für leichter gehalten, als es letztendlich war, doch bin ich zuversichtlich, dass es ausreicht, um zu betehen. Etwas, was nicht jeder meiner Freunde behaupten konnte. Schon nach der ersten Prüfung sah ich in bestürtze Gesichter, doch meine Klasse wäre nicht meine Klasse, wenn sie sich gegenseitig nicht wieder hochziehen würde. Wir schrieben noch zwei weitere Prüfungen, Englisch und South East Asia. Zwischen den Examen hatten wir immernoch sehr viel Zeit, sodass wir noch mehr lernten und uns den Stoff gegenseitig erklärten. Einmal fanden wir sogar die Kraft, um uns etwas zu essen zu holen und ließen uns danach wieder über unsere Bücher fallen.
Diese Schüler sind Maschinen, gebaut vom thailändischen Schulsystem, das dem Teufel nahekommt. Ich habe Anspannung noch nie richtig fühlen können, doch heute lag sie überall in der Luft, schon in dem Moment, in dem man die Schule betrat. Zwischendurch versuchte ich einen meiner Freunde auf andere Gedanken zu bringen und fragte ihn, was er nach dieser Woche alles machen würde. Mit müden Augen lächelte er mich an.
'Ich werde endlich wieder in Ruhe schlafen, ganz lange schlafen, bis die Zahlen und Fakten mich nicht mehr einholen können.'
- Kim
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