Donnerstag, 21. Juli 2016

Realist

1 Monat Thailand

Genau einen Monat lang verbringe ich mein Leben nun in Thailand. Ein gänzlich anderes Leben. Ein Leben, das ich nie vergessen werde.
Ich schaue schon jetzt auf tausende Erinnerungen zurück. Wie wir Austauschschüler bei unserer Ankunft im Van saßen und unser Glück nicht fassen konnten, die Stunden im Pool und unser Lachen, mein erster Tag in meiner Gastfamilie, mein erster Schultag, die vielen Tempel und Ausflüge und Gebete und meine Freunde..
Ja, es ist viel passiert. Stellt euch vor, was ich nach 10 Monaten so zu erzählen habe.
Nach einem Monat ist die Euphorie vorbei. Vieles, was mich anfangs so beeindruckt hat, ist nun Alltag geworden. Viele Gesten und Gebräuche sind nun Gewöhnungssache und die ewigen Stunden in der Schule ein Teil von mir und meinem Leben, ohne dessen ich ratlos und verloren wäre. Das ist es nämlich, was man braucht - eine Menge zutun. Eine Menge Ablenkung. Einfach keine Zeit zum Nachdenken. 
Nach einem Monat Thailand weiß ich nämlich auch Folgendes: Zu viel freie Zeit ist Gift im Blut und Nachdenken eine klaffende Wunde, die angreifbar macht. Eine Erkenntnis, die ich durch Erfahrungen machen musste. Erfahrungen, die weh tun und mit einer Menge Tränen verbunden sind. Denn natürlich, es ist nicht so, wie man sich das vorstellt. Man geht nicht in ein Land spaziert und sieht jeden Winkel und jede schöne Seite. Wie in Deutschland auch, hat man auch hier schlechte Tage und könnte alles und jeden an die Wand klatschen. Aber wie schon gesagt, es gibt ebendiese Tage und die gehören zum Leben dazu.
Nach einem Monat Thailand weiß ich die Dinge zu schätzen, die ich hatte. Manchmal denke ich, dass meine Gastfamilie denkt, dass ich in Deutschland reich bin, denn sie haben keine große Couch wie wir oder einen riesigen Flachbildfernseher. Sie haben gewisse Dinge nicht, die für mich einfach selbstverständlich waren. Und wisst ihr was? Sie leben trotzdem. Und sie lieben, was sie haben und sind glücklich, jeden Tag. Und ich liebe sie unendlich dafür.
Ich bin kein Optimist. Ich rede mir die Dinge hier nicht schön, wenn sie nicht schön sind. Ich rede mir die armen Menschen nicht schön, die in Blechhütten leben und diese sich in Slums am Stadtrand befinden. Ich rede mir die Frauen und Männer nicht schön, die auf der Straße liegen, müde, verzweifelt, weinend. Ich rede mir den Bangkoker Verkehr nicht schön, der mich teilweise um den Verstand bringt. Ich rede mir die Tatsache nicht schön, dass es Zeiten gibt, wo ich einfach nur mal wieder Deutsch reden möchte oder etwas gewohntes essen möchte. Dennoch rede ich mir die Dinge nicht schlecht. Die Gebete und Tempel zum Beispiel und das meine Gastmama mich zu jedem Besuch mitnimmt, um mir ihren Glauben zu zeigen. Ich rede mir die Schönheit der Natur nicht schlecht, dieses satte grün der Palmen und Gräser und die wunderschönen Bauten Bangkoks. Ich rede mir die Länge der Schule nicht schlecht und auch nicht das ständig heiße Wetter. Dinge sind, wie sie sind und ich lebe damit. Ich bin nicht mehr von der Euphorie geblendet. Ich bin Realist. Und das macht mich stärker und weniger angreifbar, als ich vorher war.
Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Niemand hat gesagt, dass wir mit Leichtigkeit durch dieses Jahr gehen werden. Und nach einem Monat Thailand sage ich immernoch mit Überzeugung, dass ich meinen Traum lebe, denn auch in Träumen läuft nicht immer alles so, wie man es sich wünscht. Und an alle, die sich das mal gefragt haben:
Nein. Ich bereue nichts.
- Kim



 

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