Ich weiß, dass meine Blogeinträge immer größere Abstände bekommen, doch der Alltag hat mich fest im Griff. Da ich nicht mehr nach jedem Ausflug davon sofort berichte und es in Zukunft auch nicht mehr tun werde, ist es manchmal schwierig, über ein bestimmtes Thema zu erzählen und ich denke, ich werde einfach mal drauf losreden.
Wie schon angedeutet, umspült der Alltag mich in Wellen. Immer besteht dabei eine gewisse Routine, die ich für much selbst beibehalten muss. Ich stehe auf, ziehe mich an, setze mich ins Auto, höre Musik. Ich steige aus, verabschiede mich von Ohm und gehe direkt in die Kantine. Sobald die Verkäuferin von meinem gewohnten Stand mich sieht, packt sie mir sogar schon das Essen ein, was ich sonst immer kaufe, es sei denn, ich sage ihr, dass ich diesmal etwas anderes möchte, was jedoch selten vorkommt. Dann gehe ich in den Klassenraum und warte. Wir singen die Nationalhymne. Wir haben Unterricht. Ich warte nach dem Unterricht auf Ohm. Meine Gastmama holt uns ab. Wir essen. Ich gehe schlafen - Ende des Tages. Nach 1 1/2 Monaten hat sich schon alles so eingespielt, als hätte ich nie irgendwas anderes gemacht und einerseits tut es gut, andererseits durstet es mir ein wenig nach Abwechslung, für die meine Familie oftmals am Wochenende sorgt. Wir besuchen oft die Verwandtschaft oder einen Tempel. Meine Familie versucht, mir so viel wie möglich von Bangkok zu zeigen, sei es Shopping Malls, Märkte, Tempel oder Gedenkstätten. Ich bin meiner Familie da unendlich dankbar für und genieße jeden Moment, den wir zusammen haben. Selbst die Rückfahrten sind immer unendlich lustig, obwohl wir alle komplett erledigt sind. Wir machen Scherze über Ohm (irgendwer muss ja das Opfer sein) und können drüber lachen, essen meist im Auto zusammen und sie bringen mir witzige Wörter auf Thai bei, wobei meine Gastmama für jedes Wort mit einem Grinsen im Gesicht 5 Baht verlangt. Heute war ich sehr müde und meine Gastmama hielt auf einmal an, stieg aus dem Auto und kam mit 4 Kokosnussschalen mit Kokoseis und Kokosfleisch drinnen zurück und wir genossen es und wetteten, wer von uns zuerst an Fettleibigkeit sterben würde. Ich liebe meine Familie abgöttisch und es hätte mich wirklich nicht besser treffen können.
Deshalb bin ich mir manchmal nicht sicher, warum es Tage gibt, an denen ich aufwache und einfach im Bett liegen bleiben will. Liegt es an der Schule? Daran, dass ich ständig nichts verstehe und immer nochmal nachfragen muss, warum auf einmal alle lachen? An dem Wetter, das mich teilweise um den Verstand bringt, wenn wir bei 38 Grad Sport machen müssen? Um ehrlich zu sein, weiß ich einfach überhaupt nicht, warum ich nicht mehr schlafen kann zurzeit und warum ich mehr als gewollt an Zuhause denke und Vergleiche ziehe. Aber mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass der Kulturschock, vor welchem wir immer gewarnt wurden, bei dem uns unendlich viele Tipps gegeben wurden, vor dem wir vorbereitet wurden, nun such much endlich erreicht hat. Irgendwann musste es ja kommen.
Wir Austauschschüler sind alle mit riesigen Erwartungen nach Thailand gekommen und alle sind mir unendlich ans Herz gewachsen. So interessiert es mich auch sehr, wie es ihnen geht und ob sie teilweise die selben Probleme haben, wie ich. So redete ich mit einer super lieben Austauschschülerin aus der Schweiz über das Problem mit dem Stundenplan, welches ich bereits gelöst, sie jedoch auch nich hat. Mir tat dies so unendlich Leid, da ich ja ganz genau wusste, wie sie sich fühlt. Ich spüre, wie ich immer ein wenig nachdenklich werde, wenn jemand anderes mir erzählt, dass sie so tolle Fächer haben oder dies und das machen und schon gesehen haben. Jeder lebt hier anders. Doch ich sehe auch die Unterschiede. Manche haben es einfach schwerer und manchen wird es ein wenig einfacher gemacht. Und ich bin froh, dass wir immer alle füreinander da sind, weil wir genau das gleiche erleben, fühlen, sehen. Sie geben mir so viel Kraft und falls das einer von euch 12 sieht, ich bin froh, euch zu haben und freue mich, euch wiederzusehen!
Eine der Austauschschülerinnen hat einen Status, der mich unendlich berührt hat: 'Natürlich ist es hart, es war vorherbestimmt, hart zu sein. Wenn es einfach sein würde, würde es jeder machen. Doch die Härte ist es, was es so großartig macht.' - Genau das ist es. Genau das ist es, warum wir hierhergekommen sind. Jeder kann mal nach Thailand gehen und Urlaub machen und sagen, er habe das Land gesehen und kennt es. Doch niemand kann behaupten, es wirklich erlebt zu haben. Wirklich hier gelebt zu haben und es in allen Fassetten zu sehen, eine Familie, einen Alltag, eine andere Religion. Die Würde und Ehre der Menschen und die Art, wie sie denken, wovor sie Angst haben, was sie schätzen und wofür sie beten. Das ist es, was es so großartig macht, hier zu sein, auch wenn es hart ist. Mitten im Kulturschock führen Engel und Teufel Selbstgespräche in meinem Kopf und das ist das, was der Engel mir immer wieder versucht, zu erklären. Was wäre Thailand schon mit normalen Waschmaschinen und Schulschluss um 12? Ich kann jetzt schon sagen, was mir in Deutschland fehlen wird, was ich hier zu schätzen und lieben gelernt habe und versuche, es mit vollen Zügen zu genießen.
Das ist der Grund, weshalb ich zurzeit nicht mehr so aktiv bin, weder auf dem Smartphone noch auf meinem Blog (den ich trotzdessen natürlich nicht vergesse und auch immer mal wieder updaten werde!). Ich habe mir selbst versprochen, zu versuchen, mehr loszulassen. Ich lebe nun hier für weitere 8 1/2 Monate und Deutschland ist noch in weiter Ferne. Um meine Englischlehrerin zu zitieren, mit der ich über all das rede: 'Du hast nur dieses eine Jahr. Wenn du mit etwas unzufrieden bist, ändere es, sonst wirst du nach Hause fahren und dir sagen, du hast deine Zeit verschwendet.' Ich bin jetzt mehr damit beschäftigt, mich mehr zu integrieren und mein Zimmer nur noch zum Schlafen zu benutzen. Egal, was noch kommt, was Thailand mir gegeben hat, kann ich nie mehr zurückgeben und dafür hat es mein Herz. Und ich werde als ein anderer Mensch zurückkehren, ein Mensch, der es nicht nur gesehen, sondern es gelebt hat.
- Kim
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