Freitag, 25. November 2016

Der Glaube an Wunder

Kleine Dinge

Gestern war ein krasser Tag und ich weiß gar nicht richtig, wo ich beginnen soll. Er endete damit, dass ich mich ins Bett habe fallen lassen, meiner Mama noch geschrieben habe 'Über diesen Tag werde ich einen Eintrag machen' und mit einem Lächeln und einer Träne im Auge eingeschlafen bin. Nun, fangen wir einfach mal ganz von vorne an:
Meine Klassenkameraden und ich hatten geplant, ins Open House von einer der berühmtesten Universitäten von ganz Thailand zugehen, die Thammasat University. Da es nicht mehr lange bis zum Schulabschluss ist und wir alle die Stunden am Donnerstag in unserer Schule hassen, wollten wir also am Donnerstag mal bei der Uni vorbeischauen, um uns über Studiengänge zu informieren. Jimmy, Ta, eine Freundin von Jimmy und ich trafen uns also vor der Schule in einer Ladenzeile vor der Schule und aßen zusammen Frühstück. KT hatte gesagt, dass ihr Onkel uns zur Uni fahren würde und somit warteten wir auf sie. Während wir so warteten, überkam es Jimmy auf einmal, mir unbedingt die Haare flechten zu wollen, was ich ihr natürlich mit Freuden gestattete. Schon da mussten wir so viel Lachen, weil sie nie damit gerechnet hatte, dass meine Haare mittlerweile SO lang waren, wie sie nunmal waren. Trotzdem machte sie ein kleines Kunstwerk daraus (nochmals danke Jimmy!). Schon bald kam KT mit ihrem Onkel um die Ecke gefahren und da gab es auch schon das nächste Problem - im Auto selbst war nicht genug Platz. Jedoch war es ein Auto mit Ladefläche hinten und Jimmy und ich erklärten uns bereit, auf der Ladefläche des Transporters zufahren, was wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens war. So saßen wir da also, zusammengekauert auf der Ladefläche mit den Händen in der Luft wie in einer Achterbahn, als wir auf den Highway fuhren. Nebenbei hatte Jimmy Musik angemacht, sodass wir wilde Sommerlieder hörten und der Wind pustete uns um die Ohren und wir lachten und lachten und schrien und sangen und lachten und nie in meinem Leben habe ich mich so lebendig gefühlt, wie in dem Moment, als wir über den Highway fuhren, auf der einen Seite die Palmen, auf der anderen Seite die Hochhäuser der Stadt. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen. Ich will es nie vergessen.
Somit waren wir auch ziemlich traurig, als wir am Ende dann angekommen waren, denn diese Fahrt sollte nie enden. Doch wir kletterten von der Ladefläche und gingen in die Uni, die um einiges größer und imposanter war als die Ramkamhaeng University. Ta und KT gingen zu den Naturwissenschaften und Medizinständen, Jimmy, ihre Freundin und mich zog es eher zu den Sprachständen und Businessständen. Ich nahm mir ein paar Unterlagen vom Englischstudium mit, doch schon schnell waren wir wieder aus dem Gebäude und machten eine Radtour durch den kompletten Campus. Der Campus war riesig. Wir fuhren eine 3/4 Stunde. Es war heiß. Meine Uniform war beinahe komplett durchgeschwitzt und wir alle bereuten es. Dazu kam noch, dass die Fahrräder ziemlich klein waren..und wir hatten Röcke an. Es war also nicht so einfach, zu managen, geradeaus zu fahren und seinen Rock unten zu halten und das führte auch zu vielen Lachern.
Als wir dann fertig waren, waren auch wir komplett fertig. Und Lust hatten wir auch auf gar nichts mehr, also duhren wir zu einer Mall und aßen Nuggets und frozen Joghurt, auch gingen wir ein bisschen einkaufen, sodass ich eine Kette für Nui und Kopfhörer für Ohm kaufte, weil er seine verloren hatte und mich immer nervte, ob er meine ausleihen könne. Außerdem wollte ich ihnen einfach eine kleine Freude machen. Für mich selbt kaufte ich dann noch einen Collegeblock und kurz darauf gingen wir zu Starbucks, um einen Milchshake zu trinken, doch dann waren wir so erledigt, dass wir entschieden, zurück zu unserer Schule zu fahren. Als wir dort ankamen, war es 15 Uhr und um 18 Uhr wurde ich erst abgeholt. Also kam ich auf die Idee, mal außerhalb der Uni mich an der Straße ein bisschen umzuschauen und auf einen riesigen Markt neben dem Unigelände zu gehen (meine schule liegt in einem Campus). Und wieder - eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Ich bin ja sonst immer sehr schüchtern, zu so offenen Läden zuegehen, weil die Verkäufer meist kein Englisch sprechen. Doch in allen Läden auf der Straße und allen Ständen auf der Straße und auf dem Markt ist es unheimlich günstig und ich wollte unbedingt mal wieder ein paar Dinge für mich kaufen, weil ich ja sonst nie zum einkaufen komme. Und somit begann ich, an der Straße langzulaufen. Der erste Stand, an dem ich hielt, war ein Stand mit Früchten, wo ich mir Papaya und Drachenfrucht kaufte. Ich werde nie das Lächeln der Verkäuferin vergessen. Ich war so stolz auf mich, dass ich das alles auf Thai bewältigen konnte und schon nach dem einzigen Einkauf ging mein Selbstbewusstsein in die Höhe. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich schon Shirts und Schmuck und Hosen an diesen Ständen auf der Straße gekauft, alles jedes mal auf Thai. Ich war in diesem Moment einfach so stolz auf mich selbst. 
Nachdem ich die Straße abgeklappert hatte, ging ich auf den Markt neben der Uni. Hinter den Markt war ein kleiner Park, der direkt an einem Fluss liegt und wo man einen wunderbaren Ausblick auf das internationale Sportstadion hatte. So machte ich dort eine kleine Pause, um meine Früchte zu essen und den Augenblick zu genießen, dass ich mal alleine war und einfach glücklich. Doch dann kam ein kleines Mädchen auf mich zu und fragte mich, ob ich Taschentücher kaufen wolle. Ich lächelte sie ein und lehnte dankend ab, da ihre Taschentücher nicht gerade günstig waren. Sie setzte sich ein bisschen weiter weg ins Gras. Ich schaute sie eine Weile an und wie sie da so saß, tat es mir einfach irgendwie richtig weh. Ich saß da auf dem Stein mit meiner Papaya in der Hand und dieses kleine Mädchen versuchte, an Leute Taschentücher zu verkaufen. Bevor ich so richtig realisieren konnte, was hier passiert, bewegten sich meine Beine auf sie zu und setzte sich zu ihr ins Gras. Auf Thai fragte ich sie, wie sie heiße und sie verriet mir ihren Namen - Sanrak. Ich fragte sie auch nach ihrem Alter und sie sagte, dass sie 8 Jahre als sei.. 8 Jahre. Irgendwie überkam mich ein komisches Gefühl. Ich fragte sie, ob sie jeden Tag Taschentücher verkaufen würde und sie sagte mir, dass sie es jeden Tag täte. Auch fragte ich sie, ob sie dann danach irgendwas schönes für sich kaufen würde, doch sie erzählte mir, dass sie das Geld ihren Eltern geben würde und das war genau das, was ich vermutet hatte. Und doch traf es mich, es traf mich sehr, dass ich jeden Tag mein Geld ausgeben kann, ohne mir darüber viele Gedanken zumachen, dass ich auf einen Stein sitze und tropische Früchte essen kann, während ein Grundschuldkind nach der Schule Taschentücher im Park verkaufte. Ich erzählte ihr, dass ich aus Deutschland käme und dass ich jeden Donnerstag herkäme und ob sie dann Lust hätte, ein bisschen mit mir zureden und sie lächelte mich mit diesem strahlenden Lächeln an, ein Lächeln eines Kindes, so unbeschwert, dass es mir das Herz zerriss. Sie nickte und ich fragte, ob ich doch noch eine Packung von ihr kaufen könnte und gab ihr dafür das Doppelte. Und wieder dieses Lächeln. Sie machte den Wai vor mir, bevor sie ging, den traditionellen Thai Gruß, bei dem man den älteren gegenüber Respekt zeigt und ich winkte ihr zu und dann ging sie. Bevor auch ich mich auf den Weg machte, setzte ich mich unter den Stein und benutzte ihre Taschentücher, um meine Tränen abzuwischen, die sich wieder ansammelten. 
Ich ging wieder auf den Markt und schaute mich um. Es machte mir so viel Spaß, herumzulaufen und mir die Stände anzuschauen und auch das ein oder andere zu kaufen. Ich fand die Lieblingssüßigkeiten meiner Gastmama und kaufte sie für sie und auch gekochte Erdnüsse, die man Gastpapa so sehr liebt und auch die nahm ich mit. Plötzlich fiel auf einmal ein Mann vor mir hin. Ich denke, er war ausgerutscht. Er war etwas älter und hatte Probleme damit, aufzustehen und ich konnte es nicht fassen, dass alle an ihm vorbeigingen. Ich kniete mich zu ihm hin und half ihm auf die Beine. Eine kleine Geste, die für diesen Mann so groß war und die er so sehr schätzte, dass er sich tausendmal bei mir bedankte und mir eine Banane schenkte. Und wieder dieses Gefühl, dass mir die Tränen kamen, die ich versuchte, so gut wie möglich wegzustecken. Es bedeutete mir einfach so unendlich viel. Der ein oder andere würde jetzt vielleicht sagen 'sie fängt an zu heulen wegen einer Banane', aber ich schätzte es einfach so sehr, dass dieser Mann so dankbar war, dass er mir einfach irgendwas zum Dank geben wollte und das gerade das einzige war, was er bei sich hatte. Vielleicht denke ich auch zu viel, aber ich bin dankbar für Dankbarkeit.
Als es langsam dunkel wurde und meine Tasche so mit Tüten vollgepresst war, dass ich nichts mehr kaufen konnte, ging ich zurück zur Schule, wo Ohm schon auf mich wartete und mein Gastpapa und Nui uns abholten. Ohm kam von einem Petanque Turnier wieder und er erzählte mir unendlich stolz, dass er morgen für die Goldmedaille antreten würde und Bronze schon sicher hätte. Ich lies meiner Begeisterung freien Lauf und gab ihm einen Highfive und zum Zeichen unserer Liebe zeigten wir uns wie üblich den Mittelfinger und er machte sich über meine kleinen Finger lustig (kann ja nichts dafür, dass er so große Pranken hat, das sage ich ihm jedesmal). Dann gab ich meinem Gastpapa die Erdnüsse und er freute sich riesig. Nui gab ich die Kette, die sich auch sehr bedankte und ja, Ohm freute sich wohl mit Abstand am meisten. Eigentlich blödeln Ohm und ich ja immer nur rum und beleidigen uns aus Spaß, das ist so unser Ding. Und Lob gönnt er mir auch nicht. Und allgemein kaum gute Worte, aber mittlerweile kann ich erkennen, wann er sich über etwas freut und wann nicht, wann er sauer ist und wann er nur so tut, allgemein kenne ich seine ganze Persönlichkeit wahrscheinlich besser als jeder andere. Und dieser Mensch war außer sich wegen der Kopfhörer (waren auch ziemlich gute und für Thaiverhältnisse ein Vermögen wert). Die ganze Zeit wiederholte er 'Dies ist der beste Tag überhaupt' und obwohl dies nun seine Kopfhörer waren und ich meine eigenen habe und wir uns so nicht mehr teilen mussten, wollte er trotzdem mit mir zusammen Musik hören, sodass er mir einen Hörer von seinen gab und mir den ganzen Rückweg lang Thaisongs zeigte nud wir ordentlich dazu abrockten und uns totlachten. Mein Gastpapa bestaunte das ganze Schauspiel durch den Rückspiegel und musste ständig lachen, wenn Ohm und ich zusammen ein Luftgitarrenkonzert gaben. 
Als ich im Bett lag, mit einem Lächeln und einer Träne im Auge, war ich glücklich. Nach langer Zeit war ich wirklich wieder vollständig glücklich. Ich war nie ein Mensch, der an Wunder glaubte. Wunder waren für mich ein Mythos. Doch gestern hab ich mehrere Wunder erlebt und angefangen, an die kleinen Wunder zu glauben, die wir jeden Tag erleben. Dieses Wunder, mit Jimmy auf dem Highway auf der Ladefläche zu sitzen und zu singen und zu lachen, bis wir Bauchschmerzen hatten. Das Lächeln des Mädchens. Das Lachen der Verkäufer, mit denen ich scherzte und redete auf dem Markt. Die Banane des Mannes. Ohms Worte und die Freude in seinen Augen. Das Lachen meines Gastpapas. Meine Veränderung. Manchmal fühle ich so viel, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Gestern hab ich den ganzen Tag gefühlt, so unendlich viel gefühlt und jedes Mal dachte ich mir 'Was hast du dich verändert. Was bist du für ein anderer Mensch.' Es sind tägliche Wunder, die hier passieren und die mich zu dem gemacht haben, die ich jetzt bin. Es macht mich stolz, was ich geschafft habe. Und dieser Tag hat mir gezeigt, wie sehr ich gewachsen bin. Wie viel Größe ich zeigen konnte.
Wunder gibt es jeden Tag. Macht die Augen auf und seht sie. Dreht euch nicht weg. Sie sind real. Glaubt an Wunder.
- Kim
 
   
 
  

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