Vor kurzem hatte ich ein YFU Camp, von dem ich eigentlich zuerst berichten sollte, doch was ich hier nun schreiben werde, ist tausendmal wichtiger und tausendmal bedeutender für mich. Daher werde ich von dem Camp berichten, wenn sich die Lage ein wenig beruhigt hat und ich den Kopf wieder frei habe, um detailliert zu berichten.
Am Mittwoch, dem 12. Oktober 2016, erzählte uns meine Englischlehrerin, dass der König sehr krank sei. Der König ist 88 Jahre alt, ein stattliches Alter und zuerst machte sich darüber nucht wirklich irgendjemand Gedanken, doch im Laufe des Tges erschien in den Nachrichten, dass sich nun die ganze royale Familie im Krankenhaus eingefunden hat. Dies beunruhigte dann doch. Meine Klassenkameraden waren am Boden zerstört. Sie erzählten mir von den Risiken, die eintreten, wenn der König sterben sollte. Sie erzählten mir, wie gefährlich es dann in Thailand wäre, weil der König der einzige Mensch ist, der den Frieden in Thailand halten kann. Die Thais lieben ihren König, das habe ich seit dem ersten Tag hier in Thailand gemerkt. Sie lieben ihn nicht nur, sie vergöttern ihn. Überall sieht man Gemälde auf der Straße stehen, überall hängen Bilder im Klassenraum und sogar in manchen Supermärkten. Jeden Morgen wird voller Stolz die Königshymne gesungen. Daher wusste ich, was der König den Thais bedeutet.
Wir haben lange darüber gesprochen, was passieren könnte, wenn der König stirbt. Er hat einen Sohn, doch die Thais lieben ihn nicht so sehr wie ihren König.. im Gegenteil. Doch es ist gefährlich, in Thailand über soetwas zu reden, daher haben meine Freunde mir das alles nur sehr grob erzählt und auch ich sollte aufpassen, was ich erzähle. Auf jeden Fall liegt es auf der Hand, dass sich vieles verändern wird. Alle meine amerikanischen Lehrer haben gesagt, dass es wohl besser sein wird, Thailand zu verlassen, sollte der König sterben, denn dann sei es hier nicht mehr sicher, für niemandem. An diesem Tag ging ich bedrückt nach Hause, da ich nicht wusste, was passieren würde.
Doch es folgte der 13. Oktober 2016. Ein ganz normaler Donnerstag. Die Sonne schien und es war sogar ein bisschen windig. Ich ging ganz normal zur Schule, hatte ganz normalen Unterricht, hatte viel Spaß mit meinen Freunden, wurde ganz normal abgeholt und ging ganz normal nach Hause. Da bekam ich eine Nachricht via Whatsapp: 'Der König ist tot.' Ich hab es erst nicht geglaubt. Ich wollte es wirklich nicht glauben. Ich schrieb sofort in unsere Klassengruppe, ob es stimmte, doch sie sagten, dass sie noch nichts gehört hätten und die Pressekonferenz abwarteten. Nui schrieb mich an, ob ich mit Ohm bitte die Nachrichten für sie schauen könnte, denn Ohm und ich waren alleine Zuhause. Also ging ich hinunter zu Ohm und wir machten die Nachrichten an. Wir standen einfach nur da, wollten uns nicht mal hinsetzen.
Der Mann, der auf dem Bildschirm erschien, hatte ein steinernes Lächeln. Es rührte sich nichts in seinem Gesicht. Der Hintergrund war blau und es gab keine Hintergrundmusik. Als er anfing zu reden, verstand ich nichts, aber das musste ich auch nicht. Ich wusste es von der Sekunde an, als Ohm mich anschaute. Ich wusste es von der Sekunde an, als ich das leise Zittern in der Stimme des Moderators hörte. Ich wusste es, als die ersten Tränen meines Gastbruders liefen. Ich dachte, dass mein Handy explodieren würde, so viele Nachrichten bekam ich. Meine Freunde, die total aufgelöst waren, es einfach nicht fassen konnten, dass ihr geliebter König tot ist. Meine Organisation, die sagte, dass wir Ruhe bewahren sollten und wir abwarten und schauen, was passieren wird. Meine Deutsche Familie, der ich von Anfang an schon gesagt hatte, dass hier etwas passieren wird. In dem Moment, als die Nachrichten vorbei waren, war ich mittendrin in der Änderung von Thailands Geschichte. Eine bedeutsame und praägende Änderung für das ganze Land.
Draußen hörte ich Klagelieder, die mir das Herz zerrissen. Ich hörte Menschen die Königshymne singen und 'Lang lebe der König' schreien. Ich konnte den Schmerz der Welt nicht mehr ertragen und ging ins Bett und hoffte, am nächsten Tag aufzuwachen und dass das alles nur ein böser böser Albtraum war. Doch als ich am nächsten Tag aufwachte und auf Facebook schaute, sah ich, dass alle ihre Profilbilder zu einem rein schwarzem Bild oder ein schwarz-weiß Bild oder ein Bild mit der Unterschrift 'Lang lebe der König' hineingestellt haben. Außerdem überall Posts mit 'Ich bin wärhend der Regierung von Rama IX geboren. Der beste König aller Zeiten, den ich für immer lieben werde. Lang lebe der König.', oder 'Wir sind vielleicht nicht das beste Land, aber wir haben den besten König.'. Es war Nuis Geburtstag und als ich sie sah, waren ihre Augen verquollen vom Weinen. Während wir zur Schule fuhren, sah ich, dass alle Lichter in Bangkok ausgeschaltet waren. Die Stadt, die einst so farbenfroh und wunderschön aussah, war kalt und trostlos geworden, erstickt vom Schmerz. Nicht einmal die Anzeigetafeln der Tankstelle waren eingeschaltet. Das einzige, was beleuchtet war, waren die Gemälde des Königs, die an den Straßenrändern standen. Es schien, als habe sich die ganze Nation in ihrer Trauer zusammengetan. In der Schule hielten wir 5 Schweigeminuten. Wir sangen die Nationalhymne, aber nicht die Königshymne. Gegen 9:30 gab es dann die Durchsage, dass alle Schüler, die nach Hause gehen wollen, nach Hause gehen konnten, doch meine Freunde und ich beschlossen, in der Schule zu bleiben. Ein Freund von mir weinte bitterlich. Er erzählte mir, was für ein guter Mensch der König war, dass er Straßenhunde rettete und sich um die Armen kümmerte, dass er sich nie für irgendetwas zu schade war und am Anfang nicht mal König sein wollte. Er erzählte mir, dass vor dem Krankenhaus, in dem der König starb, sich nachts eine Menschenmasse versammelt hatte und nicht aufhörte, 'Lang lebe der König' zu rufen. Jedem, dem ich an jenem Tag begegnete, trug schwarze Kleidung. Alle Lehrer, alle Menschen auf den Straßen.
Alle betrauern ihren König. Meine Freunde spekulieren, dass es vielleicht 2-3 Monate dauern wird, bis es die ersten Aufstände gibt. Niemand kann es wissen. Thailands Zukunft ist jetzt ungewiss und ich stecke mittendrin. Ich bin hier und ein Teil dieser Geschichte, einer unendlich traurigen Geschichte. Ich bete weiterhin für Thailand, meinem zweiten Zuhause und ich bete für den König, der es geschafft hat, dass jeder einzelne seines Volkes ihn geliebt hat. Rest in Peace, Rama IX. Lang Lebe Der König.
- Kim
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